Warum die Umbenennung der Kurt-A.-Körber-Chaussee notwendig ist

 

14.06.2017 (hs) Kurt Adolf Körber (1909 – 1992) blieb bis zu seinem Lebensende bei der Version, er habe nur eine Anwartschaft auf die Mitgliedschaft in der NSDAP gehabt. Doch es ist belegt, dass er am 1. Juli 1940 in die NSDAP eingetreten ist. Nach dem Krieg behauptete er zuerst, er sei nur ein Jahr lang Mitglied gewesen und wenig später kam dann von ihm die Geschichte mit der Anwartschaft.

Kurt A. Körber kam 1935 zur "Universelle" nach Dresden und stieg dort bis zum Technischen Direktor auf. Der Betrieb wandelte sich im Zweiten Weltkrieg von der Zigarettenmaschinenfabrik zu einem Rüstungsbetrieb und setzte zunehmend Fremd- und Zwangsarbeiter ein. Heinz Schulz belegt beispielsweise in seiner Publikation von 2005 "Rüstungsproduktion im Raum Dresden 1933 – 1945", dass die "Universelle" zu den wichtigsten Dresdner Rüstungsbetrieben gehörte.

Kurt A. Körbers Mutter und sein Bruder Erich halfen einer jüdischen Familie. Ein Kollege von Erich denunzierte ihn, was ihm eine Haftstrafe im KZ Sachsenhausen einbrachte. Die Historiker Josef Schmid und Frank Bajohr berichten in ihrem Aufsatz von 2011 "Gewöhnlicher unternehmerischer Opportunismus?"[1], aus dem fast alle Fakten dieses Beitrags stammen, Kurt A. Körber habe seinen Bruder im KZ besucht und sei noch 1989 tief beeindruckt gewesen von den "bösen Folgen", welche seine Mutter durch ihr Handeln verursacht habe, als sie die Hilfe für die jüdische Familie organisierte. Weiter zitieren Schmid/Bajohr Kurt A. Körber, der anlässlich seines 80. Geburtstages sagte: "Ich wollte den Krieg gewinnen; dafür habe ich gearbeitet, Tag und Nacht."

Gearbeitet haben in den verschiedenen Werken der "Universelle" schon seit Ende 1941 "Fremdarbeiter" aus Spanien, bald auch aus vielen anderen Landern. Dabei sei nach Schmid/Bajohr der zunehmende Zwangscharakter der Beschäftigung unübersehbar gewesen. "Die Personalabteilung des Unternehmens meldete ab Sommer 1942 wiederholt Arbeiter als 'flüchtig'. Insgesamt war die Fluktuation hoch, da viele der zum Teil bereits geschwächt eingetroffenen Zwangsarbeiter krankheitsbedingt als nicht arbeitsfähig eingestuft wurden und nicht oder nur kurzzeitig in den Produktionsstatten zum Einsatz kamen." (Seite 96)

Ein besonderes Kapitel sind die seit September 1944 in der Produktion eingesetzten Frauen aus dem KZ Ravensbrück. Es lasst sich noch nicht belegen, ob diese von der "Universellen" angefordert oder ihnen "zugeteilt wurden", wie Schmid/Bajohr es schreiben. Etwa 800 Frauen mussten im Werk III der "Universelle" in der Florastraße arbeiten und wurden in den Stockwerken über der Produktionsstatte untergebracht.

Sie litten zusätzlich unter der Brutalität der SS-Aufseherinnen, von denen zwei nach 1945 zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt wurden. "Kurt A. Körber war am Aufbau des Werkes in der Florastraße beteiligt", schreiben Schmid/Bajohr auf der Seite 96. Und weiter Seite 97: "Beim Luftangriff am 13. Februar 1945 wurde das Werk III weitgehend zerstört, die meisten Haftlinge kamen ums Leben." Die Frauen mussten im Werk bleiben, durften keinen Schutzraum aufsuchen. Dass es möglich war, sich gegen die Behandlung der KZ-Haftlinge zu beschweren, zeigte der spätere Herausgeber der „Zeit“, Gerd Bucerius. Er war bis 1945 stellvertretender Betriebsleiter der Diago-Werke. In einem Brief an den Kommandanten des KZ Neuengamme, Max Pauly, beschwert er sich im Marz 1945 über den Lagerleiter Wilhelm Kliem: „Es erscheint uns auch nicht unbedenklich, dass HSchF (Hauptscharführer) Kliem die seinem Lager angehörigen Frauen derart schlagt, dass das Geschrei dieser Frauen von den ebenfalls in unserem Werk beschäftigten Italienern und von anderen Gefolgschaftsmitgliedern angehört werden kann. […]“.[2] Von Kurt A. Körber ist Ähnliches nicht überliefert. Es gab sogar Versuche, den Einsatz von KZ-Häftlingen zu verweigern. Marc Buggeln berichtet in seinem Buch „Arbeit & Gewalt – Das Außenlagersystem des KZ Neuengamme“ auf den Seiten 79ff über Heinrich Dräger, der zuerst es abgelehnt hat, KZ-Häftlinge zu beschäftigen, dann jedoch einlenken musste. Doch er besorgte zusätzliches Essen fur die Haftlinge, die in seinem Werk Gasmasken herstellen mussten. „Die Bilanz vom Verhalten Drägers und der Drägerwerke bleibt zwiespältig. Trotzdem heben sich die Firmeneigner und die Firma damit deutlich vom Großteil des Verhaltens der Spitzen der deutschen Wirtschaft ab, deren Verhalten nicht als zwiespältig zu beschreiben ist, sondern von gleichgültig bis feindlich reichte. Dräger leistete zwar keinen Widerstand, aber er wollte den Einsatz von KZ-Häftlingen in seinen Werken zunächst verhindern. Und als er dies nicht verhindern konnte, sprach er in einem Brief von der 'Rucksicht', welche die Firma auf die Haftlinge zu nehmen habe, ein Wort, das dem Großteil der deutschen Wirtschaftsvertreter im Hinblick auf die KZ-Haftlinge nicht über die Lippen kam.“

Eine weitere bewiesene Luge von Kurt A. Körber ist seine 1990 geäußerte Behauptung, er sei als einziger aus der Führungsriege der "Universelle" nach der Entnazifizierung durch die sowjetische Besatzungsmacht wieder in seine Funktion eingesetzt worden. Alle seine Kollegen, bis auf den Betriebsführer Hans Schwerin, wurden weiter beschäftigt. (s. S. 100 Schmid/Bajohr)

Zusammenfassend müssen wir heute feststellen, dass Kurt A. Körber tief in die NS-Verbrechen verstrickt war. Er gehörte zu denen, die profitiert sowie unkritisch funktioniert haben und somit mitverantwortlich waren für unendliches Leid. Als Technischer Direktor und zuständig für den Aufbau des neuen Werks III war er sicherlich auch verantwortlich für den Personaleinsatz. Seine Mitgliedschaft in der NSDAP hat er geleugnet. Er hat nach unserem Kenntnisstand nie Bedauern über den Einsatz der Zwangsarbeiter*innen und der Frauen aus dem KZ bei der "Universellen" geäußert. Stattdessen versuchte er sich durch falsche Behauptungen in ein besseres Licht zu stellen. Bei der Würdigung der Gesamtpersönlichkeit erscheint uns dieser Teil seines Lebens, unabhängig davon, was er nach 1945 getan hat, so gewichtig, dass wir keine Straße nach ihm benannt haben wollen. Dies um so mehr, als dass er neben den Opfern und den sich im Widerstand befundenen Menschen, nach denen viele Straßen zu Recht auch als Vorbild sowie zur Würdigung und Ehrung benannt sind, nicht in gleicher Weise stehen sollte.